Biographie
1925
Peter Prandstetter wird am 16. Juli in Gampas/Heiligkreuz bei Hall in Tirol als Sohn des Salinenarbeiters Peter Prandstetter und der Bauerntochter Agnes Paula Prandstetter geb. Pircher geboren.
»Der Vater hat gerne gezeichnet, er hat für uns Kinder öfters dies oder jenes abgezeichnet oder abgemalt. Ich weiß auch, daß es kleine Aquarelle gegeben hat. Er hat das gern getan, und ich habe ihm dabei zugeschaut. Die Mutter aber war eine »Sängerin«, die Mutter hat sehr gern und ich glaube mich erinnern zu können, sehr gut gesungen, sie war sehr musikalisch. Die Anregung von der Mutterseite, Musik zu betreiben, war stärker als die vom Vater, zu zeichnen oder zu malen.«*
1935
Der Zehnjährige tritt in das Gymnasium der Franziskaner in Hall ein und kommt zum Chor der Franziskaner.
»Ich habe dort mit großer Begeisterung gesungen und schon sehr früh – wahrscheinlich schon nach wenigen Wochen – die für mich wichtige Entdeckung gemacht, daß eine Mozartmesse viel schöner zu singen ist als eine Grubermesse.
Stärker als die Erinnerungen an meine ersten Zeichenversuche sind meine Erinnerungen an das Auftreten einer kritischen Haltung dem gegenüber, was andere gezeichnet haben. Ich habe auch sehr gern Aufsätze gemacht und dabei bemerkt, daß man mit Wörtern herumjonglieren kann, daß oft ein Geringes genügt, um der Sache einen ganz anderen Sinn zu geben, ich habe bemerkt, daß man mit diesem Material Veränderungen herbeiführen kann. So müsste ich jetzt also sagen: Was es bedeutet, mit Material, gleich welcher Art, zu arbeiten, habe ich zuallererst beim Aufsatzmachen gespürt. Denn bei der musikalischen Betätigung war ich ja immer nur als Interpret tätig, obwohl ich später sehr gern komponiert hätte.
Vielleicht hätte ich auch Gedichte geschrieben, aber in der Zeit, in der das anfangen hätte können, ist der Umsturz gekommen; das war nicht nur ein Umsturz in der großen politischen Welt, sondern das war sicherlich auch ein Umsturz in meiner kleinen persönlichen Welt. Plötzlich wurden ganz andere Dinge wichtig, und das Schreiben von Tagebucheintragungen ist mir mit einem Mal lächerlich vorgekommen. Man wollte uns ja dazu abrichten, der Welt das Zittern beizubringen. Und da ist dann sehr vieles verlorengegangen aufgrund der äußeren Umstände. Nicht verlorengegangen ist meine Liebe zur Musik.«
1939
Im Herbst Eintritt in die Lehrerbildungsanstalt in Innsbruck.
»Ich war eigentlich ein Einzelgänger. Ich wäre es wahrscheinlich noch viel mehr geworden, wenn nicht die schon genannte Veränderung der Zeit auch so einen Einzelgänger gezwungen hätte, in der Gemeinschaft zu leben. So war diese angelegte Neigung, allein zu sein, die sich dann später sehr deutlich bei mir gezeigt hat, überdeckt durch äußere Betriebsamkeit. Immer dann, wenn selbst unter diesen Umständen die Möglichkeit gegeben war, sich abzusondern, habe ich sie ergriffen.«
1943
Noch vor Absolvierung der Lehrerbildungsanstalt wird Prandstetter im Mai zum Reichsarbeitsdienst eingezogen.
1944
Er kommt im Februar zu den Gebirgsjägern ins Lager Rum bei Innsbruck.
»… wo ich zum ersten Mal in meinem Leben Paul Flora gesehen habe, wie er einen ,Mann mit Hund‘ gezeichnet hat.
Was den Krieg anlangt, kann ich ruhig sagen, daß ich sehr, sehr viel Glück gehabt habe, wenn man vergleicht, was meine gleichaltrigen Kollegen mitgemacht haben, von denen ihn viele überhaupt nicht überlebt haben. Im Nachhinein sehe ich, daß meine ständigen Krankheiten, das körperliche Versagen schließlich und endlich fast im Shakespeare’schen Sinn ,die Vorsicht‘ des Schicksals war, ,mich zu hohen Jahren kommen zu lassen‘, Ich war wirklich dieser ganzen Zeit weder körperlich noch geistig gewachsen.«
1945
Neuerlicher Eintritt in die Lehrerbildungsanstalt
1946
Juni Matura. Im Herbst Eintritt in den Schuldienst an der Hauptschule Hall.
»Meine Abgrenzung hat sich dann auch in den verschiedenen Schuldiensten, die ich von da an versehen habe, immer wieder ganz von selbst ergeben. Ich möchte dabei aber nicht übersehen, daß es immer wieder Kollegen gegeben hat, die ich nicht nur sehr geschätzt habe, sondern die mir wirklich auch sehr geholfen haben, wenn es irgend nötig war.«
1947
Im April Bekanntschaft mit der Malerei Max Weilers durch die Fresken in der Theresienkirche auf der Hungerburg bei Innsbruck
1949
Lernt Franz Krautgasser kennen, von dem Prandstetter viele Anregungen empfing.
Die Zahl der Arbeiten, die ich bis zum Eintritt in die Akademie gemacht habe, nahm langsam zu. Da waren anfangs im Jahr zwei oder drei, im nächsten vier oder fünf Gelegenheitsarbeiten. Das wurde erst um 1950/51 etwas anders.
Ich habe mich aber um diese Zeit noch immer viel mit Musik beschäftigt, damals habe ich zu singen angefangen. Eine Innsbrucker Opernsängerin wollte aus mir einen Oratorientenor machen, aber mit vereinten Kräften ist es uns gelungen, meine Stimme kaputt zu machen; sie hatte zu wenig Geduld, ich zu wenig stimmliche Begabung.«
1950
Erste Begegnung mit Max Weiler.
Zuerst wurde ich von Künstlern, die in meiner Nähe waren, beeinflusst. Ihre etwas entfernter liegenden Vorbilder konnte ich mit meinem damaligen Wissen nicht so leicht nachweisen. Meine waren ganz eindeutig in der Nähe gelegen und zwar Weiler und –im Hinblick auf das Aufmerksam machen – Krautgasser.
Im Französischen Institut gab es die ersten Begegnungen mit Werken französischer Künstler, ich habe damals Graphiken von Braque, Picasso und Leger gesehen, die mir sehr großen Eindruck gemacht haben.
Aber bis zum Eintritt in die Akademie war die bestimmende Persönlichkeit Weiler. Das wäre vielleicht gar nicht so wirksam gewesen, wenn er, Weiler, sich damals nicht selbst von Jahr zu Jahr, ja von Monat zu Monat verändert hätte. Das war für jemand, der selbst am Anfang steht, etwas ungemein Wichtiges.«
1954
Prandstetter nimmt auf Anregung von Landeskulturreferent Gottfried Hohenauer zwei Jahre Karenzurlaub von der Hauptschule, um an der Akademie der bildenden Künste in Wien Malerei zu studieren. Aufnahme in die Meisterklasse von Sergius Pauser. Akt bei Herbert Boeckl. An der Akademie Freundschaft mit Friedrich Plahl und Jürgen Messensee.
Dort lernt er auch seine Frau kennen, die bei Prof. Andersen studierte.
»Pauser sagte oft zu mir ‚Mit Ihrer Palette könnte ich nicht malen‘. Er hat nämlich auf seiner Palette alle Farben aufgetragen, während ich Schwarz, Weiß, ganz wenig Blau, ein bisschen Ocker und ein Eisenoxydrot gehabt habe. Mit diesen Farben habe ich lange Zeit gearbeitet, das war ihm ein Gräuel.
Der Einfluss, der von Boeckl ausgegangen ist, war so groß, daß es begreiflich ist, daß sich viele von uns eher als Boeckl-Schüler gefühlt haben, denn als Pauser- oder sonst irgendeines Lehrers Schüler, denn Boeckl hat im Abendakt sehr viel vom Problem der Form gesprochen. Das hat mir einen so großen Eindruck gemacht, daß die ursprüngliche Stellung meines ersten Lehrers, Weiler, sehr heftig erschüttert worden ist
Es gab viele Begegnungen mit Malern und Bildhauern, besonders mit Oswald Oberhuber, über dessen Wissen ich immer wieder staunte. Ich hatte oft das Gefühl, daß er viele Geheimnisse in seinem Kopf trug, und hie und dafür mich eines davon preisgab.«
1956
Rückkehr in den Schuldienst an die Hauptschule Hall.
1957
Preis der Stadt Innsbruck beim 6. Österreichischen Graphikwettbewerb. (Weitere Preises. Ausstellungs- und Publikationsverzeichnis.) Fortsetzung des Studiums an der Wiener Akademie der bildenden Künste. Parallel zum Geschichte- und Malereistudium Absolvierung des großen Latinums.
»Daß meine Arbeiten immer spitziger und stachliger geworden sind, wie kleine Martermaschinen, darf einen nicht wundern. Das sind wirklich Psychogramme, was ich damals gezeichnet und gemalt habe.«
ab 1958
Gruppenausstellungen gemeinsam mit Wilfried Kirschl, Anton Tiefenthaler, Rudolf Wach, Norbert Drexel (s.a. Ausstellungs- und Publikationsverzeichnis).
1959
Akademie-Diplom für Malerei (Staatspreis)
1960
Lehrbefähigungsprüfung für Gymnasien. Beginn der Lehrtätigkeit im Gymnasium Angerzellgasse in den Fächern Bildnerische Erziehung und Geschichte, aushilfsweise auch Musik.
1961
Heirat mit Ilse Babka, die sich später mit ihren Bildteppichen Ansehen erwirbt. Die Kinder dieser Ehe: Joachim (geb. 1963) und Gabriel (geb. 1967).
»In die Jahre nach meinem Eintritt ins Gymnasium fallen Reisen mit einer Gruppe von Lehrern, die sehr reiselustig waren, und da habe ich eigentlich erst andere Gegenden Europas kennengelernt: Frankreich, Italien, Sizilien, h3ien, Portugal. Die eigene Umgebung hat mir merkwürdigerweise eigentlich nie einen besonderen Anreiz geboten; ich will nicht sagen: Eindruck gemacht. Meine Vorwürfe, die Ausgangspunkte sind vorwiegend von Dingen, Zuständen, Begebenheiten und Empfindungen hergenommen, die ich überall hätte sehen oder haben können, ich war von der Geographie nicht abhängig. Aber es kommt eben da schon zum Vorschein, daß mich als Ausgangspunkt die Kunst ebenso stark interessiert hat wie die Natur.
Eigenartigerweise gehören zu meinen Anregern immer wieder Musiker. Das, was ich von den Komponisten so besonders schätze, ist, daß sie sich nicht direkt in mein Fach dreinmischen. Wenn ich also Bach denke, Bach sage, dann ist es nicht direkt in die bildende Kunst hineingeredet; diese Klarheit, diese Unbeirrbarkeit in der Verfolgung eines Gedankens, wie es bei Bach gut zu hören ist, hat mir einfach Eindruck gemacht. Es liegen hier die Einflüsse, die Wirkung auf mich in viel, viel tieferen Schichten, als wenn ich etwa sage, Braque hat mich sehr berührt. Denn da sehe ich schon wieder das Grau, das ich auch sehr gerne mag, und er mischt sich direkt in mich hinein, Bach tut’s nicht, Mozart auch nicht und Schönberg auch nicht.«
1964
Erste große Personale (weitere Ausstellungen s. Ausstellungs- und Publikationsverzeichnis).
»Den meisten Käufern von Kunstwerken waren meine Sachen zu wenig ähnlich dem, was sie sich selber vorgestellt haben. Auch das Mehrdeutige in den Arbeiten und meine Unsicherheit, als Voraussetzung meiner Arbeit überhaupt, die sich auf das Publikum übertragen hat, das mögen alles Gründe dafür gewesen sein, dass sich Sammler sehr zurückgehaltenhaben. Und daher auch mein verhältnismäßig nur kurzes Überlegen nach dem Schluss des Studiums, ob ich es nun versuchen sollte, als freischaffender Künstler zu arbeiten. Ich habe bis dahin schon ungefähr gesehen, daß das nie gehen würde, daß ich dann nicht einmal die Freiheit hätte, das zu machen, was ich machen wollte. Daher wollte ich mich lieber auf der einen Seite binden, um auf der anderen mehr Freiheit zu haben.«
1966
Beginn der ersten Reihen.
»Bei den ersten Reihen, die sich um Schwimmendes, Kriechendes, Fliegendes usw. gedreht haben, war es einfach das Erkennen, daß ich die Möglichkeit habe, Empfindungsmäßiges in Zeichen umzusetzen und daß ich von der Musik her die Variation sehr liebe. Malerei ist eigentlich nichts anderes als eine Variation der Malerei. Die Reihen sind keine in die Breite gehenden Unternehmungen, bei denen sich Motiv an Motiv anschließt. Das kann schon so aussehen, aber in Wirklichkeit war es auch innerhalb dieser Reihen ein Nichtnachgeben, bis es alles hergibt, was da drinnen möglich ist.
Oft entwickelt sich eine Reihe aus der anderen, die jeweilige Reihe muss jedoch immer abgeschlossen werden, das ist notwendig, weil so viel auftaucht dazu – ich kann mich oft der Fülle von Anregungen nicht erwehren.
Das kommt daher, daß ich mich bei allen Tätigkeiten, sogar beim Schulhalten, auf dem Schulweg, vor dem Einschlafen, daran gewöhnt habe, an das zu denken, was ich gerade machen will; ich habe immer im Geiste weitergemalt. Aber bei mir ist nie das Bild fertig im Kopf – doch die Bereitschaft, den Denkprozess in Gang zu halten, der zu Bildern führt, setzt nie aus.
Und dann geht es um die Überwindung von Widerständen, eigenartigerweise sind es solche Widerstände, die fast nicht messbar sind. Der Widerstand dieses fließenden Materials auf dem Papier, die Körnung des Papiers oder bei der Hinterglasmalerei der ständige Widerstand des anders Aussehens beim Durchschauen als beim Draufschauen; das sind die Widerstände, die man nicht messen kann, die aber auch überwunden werden müssen.«
1968
Wechsel vom Gymnasiallehrer zum Professor für Bildnerische Erziehung an der Pädagogischen Akademie des Bundes in Tirol.
1969
Daneben Beginn der Lehrtätigkeit am Institut für Zeichnen und Malen an der Fakultät für Bauingenieurwesen und Architektur in Innsbruck (bis 1972).
1970
Erste Serie von Hinterglasbildern, die bis 1975 fortgesetzt wird.
»Heute ist mir bewusst, dass ich mich schon längst mit dem abgefunden habe, dass ich keine großen Formate machen kann, daß es einfach zeitlich und räumlich nicht geht.
Aber es hat auch alles etwas mit Atem, mit innerem Rhythmus, mit dem Bewegungsbedarf bei der Arbeit und anderen Eigentümlichkeiten zu tun, über die man nicht redet, weil letzten• Endes das Ergebnis entscheidend ist.
Andererseits weiß ich aber, dass in einem kleinen Satz eine ganze Welt sein kann. Einer meiner Lieblingskomponisten ist Webern, der mit seinen Eineinhalbminutenstücken alles zuwege bringt, was man überhaupt zuwege bringen kann. Wenn ich einen zum Verbündeten anführen müsste, dann wäre es er. In den Hinterglasmalereien ist auch alles möglich, was überhaupt möglich ist, von der Durchsichtigkeit bis zum Deckenden, vom Konstruktiven bis zum Verschwimmenden, es gibt fast nichts, was ich dort nicht machen kann.«
1971-77
Arbeit an insgesamt sieben Glasfenstern in der spätgotischen Pfarrkirche von Heiligkreuz bei Hall in Tirol. Drei Apsisfenster waren zuvor von Wilfried Kirschl gestaltet worden. Jeden Sommer entstand ein Fenster im Auftrag des Bundesdenkmalamtes und des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst.
»Im vordergründigen Sinn gibt es in meinem Werk sicher keine religiöse Thematik, aber im hintergründigen ist es gar nicht anders möglich. Wenn jemand durch ein ganzes Jahr hindurch die, Schönheit des Vergehens‘ bedenkt und erlebt, dann geht es gar nicht anders. Dieses Problem hat Romano Guardini sehr gut beschrieben, wenn er sagt, daß im Letzten jedes Kunstwerk eschatologisch ist. Die Aufgabe in Heiligkreuz hat mir schon in dieser Hinsicht große Freude bereitet.
Ich habe gesehen, daß diese Kirche eine sehr zarte, leichte, dünnwandige Architektur hat, alles in schönen Verhältnissen steht, ich mich also nur unterordnen kann. Die Fenster, die in diese Architektur eingeh3nt werden, müssen ebenso zart sein.«
1972-73
Die Reihe »150 Aquarelle und Deckfarbenmalereien« entsteht.
1974
Preis beim Graphikwettbewerb der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Tirol
1975
Kleine Reihe mit 25 Aquarellen »vom 31. 3. bis … «
1976-93
Berufung als Professor für Graphik und Malerei an die Abteilung für Kunsterziehung an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst »Mozarteum« in Salzburg. Mit Ruedi Arnold, der zugleich als Professor für Bildhauerei berufen wurde, entsteht eine anregende Freundschaft.
»Jetzt deckt sich das, was ich selber tun kann und was ich weiß und was ich für Intentionen habe, am ehesten mit dem, was an der Schule geschehen kann. Das klingt ein wenig paradox. Jetzt kann ich nämlich mit den Studenten ganz offen reden und ihnen auch klar machen, daß ihr Versagen oder Erfolg nicht mein Versagen bzw. Verdienst sind, sondern ihr eigenes. Deswegen ist also die Lehrtätigkeit heute ausgesprochen anregend auch für mich, so daß ich mich jedes Mal wieder freue, wenn ich in die Schule komme.
Die erste Zeit war für meine Produktion sehr spürbar, da haben dann die großen Reihen von Zeichnungen begonnen, dazu bin ich früher ja nie gekommen.«
1978
Kleine Serie von Hinterglasbildern »Schwarze Bilder«. Die 151 großen Aquarellblätter über »Die Schönheit des Vergehens« entstehen.
»Jeder von uns stellt sich seine Aufgaben, es ist heute nicht mehr so, daß die Aufgaben von außen kommen, sondern der Maler malt sozusagen auf Vorrat, das ist eine der größten Änderungen seit der Renaissance. Und daher liegt es nahe, daß diese Freiheit auf der einen Seite nach einer Gebundenheit sucht, die man sich selber stellt.
Wenn man wollte, könnte man ohne Kenntnis der Reihentitel wahrscheinlich auch erkennen, was hier übereinstimmt. Denn bei der »Schönheit des Vergehens« ist schon zu merken, daß es sich immer wieder um Dinge handelt, die in Auflösung begriffen sind. Dieser Auflösungsprozess der sichtbaren Welt hat später die Blätter selber ergriffen. Sie zeigen die Spuren der Beanspruchung: Zerknüllungen, Faltungen, Aufgerissenes, Löcher und dergleichen mehr.«
Daraus entwickelt sich die Gruppe der »Knüllbilder«. Parallel zu der »Schönheit des Vergehens« Arbeit an den Tastzeichnungen.
»In meinem Salzburger Zimmer habe ich nicht arbeiten können. Ich saß da, stützte den Kopf in die Hände und wollte etwas machen. Es war aber zu dunkel. Da fiel mir ein: ,Warum zeichne ich nicht, was ich greife?‘ Daraus ist die erste Tastzeichnung entstanden, die vom Ergebnis her den Charakter einer Kinderzeichnung hat. Denn die Kinder zeichnen ja eigenkörperlich, sie zeichnen nicht optisch, sondern mit ihrem eigenen Körper sich selber. Bei mir war auch keine optische Kontrolle möglich. Das war direkt ein Musterbeispiel für Lernvorgänge, ich habe bemerkt, wie ich das mit der Zeit immer besser kann, ich habe mit der Zeit auch mit der rechten Hand tasten können und mit der linken zeichnen. Schließlich nach eineinhalb Jahren habe ich es aufgegeben, weil es keinen Sinn mehr hatte, ich konnte bereits meine eigenen Tastzeichnungen aus der Erinnerung wieder zeichnen.«
1978-79
67 Blätter in Spritztechnik »Leitfossile und anderes«.
1979
Großer Preis für bildende Kunst der Salzburger Wirtschaft
Seit 1979
viele Gespräche mit Peter Handke.
1979-80
»Die Natur malt nicht«, eine Reihe von 152 kleinen Aquarellen »aus Freude an der Natur gemalt«.
seit 1980
entstehen mehrere Maibücher. »Ich habe mich in die Bücher zurückgezogen – die kann man nicht mehr ausstellen.«
1982-83
Neuerliche Arbeit an 74 Hinterglasmalereien.
1983
Arbeit an den Blättern für die Vorzugsausgabe dieses vorliegenden Buches.
»Das Kontinuierliche in meiner Arbeit, bei allem Neubeginn? Viel/eicht eine gewisse Sehnsucht danach, Zeichnung und Malerei in die Nähe der Musik zu bringen in der vollen Bewusstheit, daß es nicht möglich ist. Das Rhythmische, das Reine, das Klare, was die Musik so auszeichnet, ist auch eine Dimension, die mir selber erst heute so recht bewusst wird. Das ganze Material der Musik ist rein und klar, es gibt nichts Trübes. In der Malerei ist das Material, mit dem man sich beschäftigt, dazu geneigt, zu trüben. Bei meinen Arbeiten kann man sehr gut beobachten, daß Perioden, in denen ich versucht habe, ganz rein und durchsichtig zu sein, fast entmaterialisiert, mit Perioden abwechseln, in denen ich Freude daran hatte, mit dem gerade für diesen Zwecke fast ungeeigneten Material der Wasserfarbe eine möglichst materielle Wirkung zu erzielen, z.B. mit den Knüllbildern. «
»Es gibt eine sehr deutliche Erinnerung: Als Kind habe ich mir vorgestellt, wenn ich überhaupt einmal malen sollte, dann möchte ich so schöne Bilder malen, daß alle Leute sie gerne haben.«
1989
Fenster der Totenkapelle der Pfarrkirche von Heiligenkreuz bei Hall in Tirol
2021
Peter Prandstetter stirbt am 06. August in Innsbruck.